Darian lag auf dem Bett seiner Schwester, der lange Flug mit seinem Drachen Irexas von Sonnenfall aus dauerte zehn Stunden, wenn man darauf verzichtete Pause einzulegen. Darian legte keine Pausen ein. Ser Bolen begleitete ihn auf diesem Flug. Zu Pferd oder zur Kutsche hätte Darian eine Woche benötigt, sofern er dem Pferd nicht die Sporen gab und an jeder Taverne sein Pferd wechselte. Seine Bediensteten brachen vor ihm von Sonnenfall auf, aber haben es bisher nicht nach Ardenhall geschafft. Er spürte den Flug in den Knochen, den kalten Wind in luftiger Höhe und die Müdigkeit, da er vor Sonnenaufgang in den Sattel stieg. Den ganzen Flug über dachte er an seine Familie und insbesondere an seine Schwester. Er hatte sie sechs Jahre nicht mehr gesehen, zuletzt als er abschied nahm und nach Sonnenfall im Osten aufbrach. Mit dreizehn Jahren verstand er nicht, warum sein Vater ihn befahl an den Hof von Lord Janus Arvell zu reisen und dort als Mündel zu dienen. Die Arvells sind ferne Verwandte des Hauses Varell, das Haus seines Vaters. Als ängstlicher Bursche wurde er aus den Armen seiner Mutter entrissen. Mit Tränen, Tritten und Schreie widersetzte er s er fluchte und schimpfte über seinen Vater und über Lord Arvell als Ritter und begnadeter Schwertkämpfer kehrte er zurück. Es gelang ihm sogar Ser Bolen in einem Zweikampf besiegen, der sich widerwillig mit einem Fluchen sich ergab, nachdem er Einsehen musste, dass Darian ihm überlegen war. Seine Zeit bei den Arvells prägten ihn mit einer harten Strenge. Lord Janus Arvell zwang Darian täglich Schwertkampf üben, bei jedem Treffen von Lord Arvell dabei sein, bis tief in die Nacht, um am nächsten Morgen wieder zu trainieren. Kalt wie der Winter war der Leitspruch des Hauses; die Kälte ließen sie ihn spüren. Nie hatte er so oft die Schmerzen nach dem Üben mit dem Schwert oder war er so erschöpft. Lord Arvell ermahnte ihn mehrmals: „Die Sonne versinkt im Winter sehr früh hinter den Winterbergen. Wenn der eisige Frost den Berg herunterschleicht und unser Tal den halben Tag im Schatten versinkt, wirst du mir für das harte Training danken.“ Im Winter war Sonnenfall ein trostloser Fleck, der in den Berg geschlagen wurde, entlang der Königsstraße in Richtung Wintershall und deren Umgehungsstraßen nach Norden und Süden.
Nachdem Alyna in ihr Zimmer betrat, blieb sie ungläubig stehen, sie starrte Darian an, als würde sie einen Geist sehen. Darian richtete sich auf die Bettkante auf. „Schwesterherz! Begrüßt man so seinen geliebten Bruder?“ Alyna sprintete los und sprang auf Darian, der von ihr zurück auf das Bett gedrückt wurde. „Ich habe dich so vermisst!“ sagte sie, während Darian sie vom Bett aus umarmte. „Ich spüre es“, keuchte er. „Oh… tut mir leid“, erwiderte sie, stand auf und half Darian auf die Füße. „Wie war es in Sonnenfall? Wie sieht es aus? Ist es schön dort?“ Löcherte sie ihn mit Fragen. „Im Sommer ist es der schönste Ort von ganz Thelas, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Berghänge der Winterberge treffen und der Schnee anfängt zu glänzen. Im Winter ist es den halben Tag dunkel und der Frost kriecht von den Winterbergen herab und das ganze Tal wird eisig. Beides ist auf seine Art wunderschön.“ Alyna hing an seinen Lippen, als er hinter Ihr eine Gestalt in blausilberner Rüstung bemerkte. Es war Ser Tristen, dessen Blick ihn durchbohrte. Er hatte ihn genau so lange nicht mehr gesehen wie seine Schwester. „Ser Tristen? Ich denke, ich kann meine Schwester vor sich selbst beschützen.“ Ser Tristen nickte ihm zu: „Mein Prinz.“ dann zu seiner Schwester „Prinzessin.“ Der Ritter ging rückwärts aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Seine Schwester schaute ihn besorgt an. „Darian…“ Murmelte sie vor sich hin.
„Etwas bedrückt dich. Was ist es?“ Fragte er sie besorgt.
„Vater. Er… Er scheint mich mehr und mehr zu ignorieren. Früher hatte er Stunden für mich Zeit gehabt, heute bin ich froh wenn er mich fragt wie es mir ergeht, wenn wir gemeinsam zu Frühstück sitzen.“ Er wusste worauf seine Schwester anspielte. Sein Vater schrieb ihm nicht wenige Briefe, die er nur Ser Velyn anvertraute. Nur ein kleiner Kreis, darunter der Rat, Ser Velyn und er selbst, wussten über die Abstammung von Alyna. Ihm war es gleichgültig, er liebte sie bedingungslos, für ihn war sie seine kleine Schwester. Doch Vater wusste nicht, wie er mit seiner fast erwachsenen Tochter umgehen solle, und mied sie deshalb. Darian riet seinem Vater, ihr endlich die Wahrheit zu erzählen und öffentlich zu verkünden, dass sie als sein Kind gleichgestellt sei, aber er fürchte die Reaktion der anderen Lords. Doch Alyna ist im heiratsfähigen Alter und es gab viele Heiratsangebote, auch aus anderen Königreichen, deren Reaktion sein Vater fürchtete, wenn das Geheimnis rauskäme.
„Er liebt dich über alles Schwesterchen,“ sagte er zu ihr, konnte aber den wahren Grund nicht aussprechen. „Er schrieb mir über deine Ausflüge in den Wald, dass du weiterhin mit dem Bogen übst, so wie ich es dir hoffentlich gezeigt habe, oder?“
Alyna lächelte sanft. „Ja, ich schleiche mich fast täglich aus der Burg, aber ich glaube er findet es insgeheim gut, da er nie die Wege aus der Burg verschließt.“
„Siehst du?“ munterte er sie auf. „Ich werde bei der Ratssitzung das Ansprechen. Das und noch eine andere Sache… eine Überraschung, sofern es mir gelingt Vater zu überzeugen.“
„Ratssitzung? Du bist aber nicht im Rat?“ Fragte Alyna sichtlich irritiert.
„Noch nicht. Vater wird beim nächsten Hofhalten es offiziell verkünden. Ich werde aber gleich zum nächsten Treffen des Rates gehen, deshalb kann ich nicht lange bleiben.“ Er bedauerte, dass er nicht mehr Zeit für seine Schwester übrig hatte, aber die politische Situation im Königreich war angespannt. Ihr lächeln verschwand. „Ich… verstehe. Die Pflicht.“ Die Pflicht, dachte er. Die Pflicht führte ihn Weg von Ardenhall, die Pflicht führte ihn wieder zurück nach Ardenhall. „Ich möchte dir keine Angst machen, aber wir müssen vorsichtig sein. Der Großkönig intrigiert gegen uns.“
„Warum sollte der Großkönig das tun? Haus Varell und Alendas ist seit der Ankunft vor 1.000 Jahren treu ergeben.“ Er erkannte den besorgten Blick in Alynas Augen, die Angst, die langsam aufkam. „Ich weiß, aber mehr kann ich dir nicht sagen.“ Darian wusste selbst kaum mehr, als dass was er Alyna zu erzählen vermochte. „Ich werde später wieder nach dir sehen.“ Er umarmte seine Schwester zum Abschied, die ihm einen sanften Kuss auf die Wange gab.
Vor der Tür warteten Ser Bolen und Ser Tristen, die sich gegenüber standen und sich gegenseitig streng anstarrten. „Wie ich sehe, bleibt die alte Freundschaft erhalten.“ sagte er, als er an den Gardisten vorbeischritt. Er wusste nicht, warum Ser Bolen und Ser Tristen sich nicht vertrugen, aber Darian störte sich daran nicht, da beide fähige Schwertkämpfer waren, die geschworen hatten, ihn und seine Familie zu beschützen. Ser Bolen schloss sich ihm an und folgte Darian zum Ratstreffen. Der direkteste Weg zur Kammer des Rates führte über den Königsgarten, ein kleiner Garten, der die verschiedensten Blumen aus dem Königreich beherbergte. Sogar die eitle Eisblume aus Wintershall, die normalerweise nur in den Winterbergen zu finden war, konnte erfolgreich angesiedelt werden. Die Blume war für jeden ein atemberaubender Anblick, der sie bisher nie zu Gesicht bekam. Die Blüte aus einem Durchsichtigen, Schimmernden blau, das einem an Eis erinnerte. Wenn man sie berührte, spürte man eine tiefe Kälte, selbst im Sommer. Darian wagte es sie anzufassen, bevor er nach Sonnenfall aufbrach und hatte bis dahin nie etwas kaltes, wie die Blüte einer Eisblume berührt. Seine Finger schmerzten und binnen weniger Sekunden waren sie taub und eisig blau. Magister Rorik hatte ihn gewarnt, dass eine Berührung schmerzhaft verlaufen würde, aber als Kind wollte er nicht hören. Das Geklirre von Schwertern, die aufeinanderprallten, wurden lauter, als er sich dem Königsgarten näherte. Es beunruhigte ihn nicht, dass jemand im Königsgarten kämpfte. Es war der sicherste Ort in der Burg, da man nur über ein Tor in die Kernburg gelangte, die nur von der Leibgarde und der Königsgarde bewacht wurde. Als er den Garten erreichte, sah er das es Derys und Verys waren, seine beiden jüngeren Zwillingsbrüder. Sie trainierten offenbar mit echten Schwertern, so erkannte es Darian zumindest. Darian hatte die Brüder sechs Jahre lang nicht mehr gesehen, daher gelang es ihm nicht, die beiden voneinander zu unterscheiden. Er bemerkte schnell, dass die beiden ungleiche Kämpfer waren. Zwar kämpften beide mit Schild und Breitschwert, aber einer von ihnen war sichtbar langsamer, seine Schläge ungenau und vorhersehbar. Er versuchte seine Kraft in die Schläge hineinzubringen, sein Kontrahent wehrte sie mit einer simplen Bewegung ab und nutzte seine Energie gegen ihn. „Könnt Ihr die Beiden auseinander halten?“ Fragte er leise Ser Bolen, der neben ihm den Zweikampf beobachtete. „Nein mein Prinz, sie haben sich zu sehr verändert.“ Sein unterlegener Bruder wurde zu Fall gebracht, als ihm bei einem Konter der Ellenbogen die Wange traf. „Ich kann mir das gar nicht mehr anschauen“ rief Darian durch den Garten. Seine Brüder wandten sich gleichzeitig in seine Richtung. „Darian!“ Antworteten sie unisono. „Wer ist Wer?“ fragte Darian die Beiden, da er sich nicht der unangenehmen Schmach hingeben wollte, Derys mit Verys anzusprechen – oder umgekehrt. „Ich bin Verys, mein geschlagener Gegner hier am Boden ist Derys“, er deutete mit der Spitze seines Schwertes auf seinen am Boden liegenden Gegner. „Haben wir uns so sehr verändert Darian?“
Beide waren damals kleiner als er, mittlerweile sind sie einen halben Kopf größer und Darian war mit seinen 1,85m schon groß gewachsen. Sie hatten ein rechteckiges Gesicht, einen breiten Nasenrücken und braune Augen. Ihre Wangenknochen waren weniger ausgeprägt als sie bei Darian es waren. Dafür war ihr Kinn etwas markanter und lief leicht spitz zu. Man konnte Sie nur anhand ihrer Haare unterscheiden. Derys hatte seine Haare kurz geschoren, indessen Verys sich dazu entschied, die Seiten kurz zu halten und die Haare hinten zusammenzubinden.
„Nun…Ja“, antwortete Darian knapp, während er zu Derys lief, und ihm auf die Füße verhalf. Er musterte Derys, der aus dem Mund blutete und an einigen Stellen im Gesicht blaue Flecken aufwies. Sein linkes Bein war verletzt, Darian erkannte es, da Derys nur das rechte belastete. „Alles in Ordnung?“ Derys nickte nur knapp. „Du solltest deinen Bruder schonen, du könntest ihn ernsthaft verletzen,“ wandte Darian sich an Verys
„Ser Velyn sagte nur durch hartes Training wird man besser.“
„Hat er dir auch gelehrt, dass man nicht besser wird, wenn man nur in den Dreck gestoßen wird, Verys?“
Verys schwieg einen Moment, blickte seinen Bruder an und antwortete knapp: „Ich… Es tut mir leid Derys.“
„Hilf deinem Bruder und bringe ihm zu seinem Zimmer. Ich sende Magister Rorik zu ihm, sobald die Sitzung zu Ende ist.“
Verys tat, wie ihm befohlen wurde, und half Derys aus dem Königsgarten heraus. Die Schilder und Derys Schwert blieben auf dem Boden zurück. Darian hob das Schwert auf und sah es sich etwas genauer an. Es war solider Stahl, prächtig verziert, die einem Prinzen würdig ist. Man verzichtete bewusst auf Edelsteine oder Ornamente, da es den Traditionen seines Hauses widersprach, unnötig mit Reichtum zu protzen. Er erkannte den Stil des Schmieds, der es anfertigte. Es war die Arbeit von Meister Luras, der königliche Schmied von Ardenhall Darian schwang das Schwert einige Male durch die Luft, täuschte Schläge an und stach mit dem Schwert ins Nichts. Es lag gut in der Hand. An dem Schwert konnte es nicht liegen, erkannte Darian. Die Klinge war perfekt ausbalanciert und ohne einen Makel. Warum scheiterte sein Bruder, so kläglich daran im Zweikampf zu bestehen? War Derys kein geborener Krieger oder gab es einen tieferen Sinn, den Darian bisher nicht erkannte? Er ließ die beiden Schilder am Boden zurück, sie mahnen ihn zur Vorsicht, nur ist er sich nicht sicher worüber.
Darian setzte seinen Weg zur Ratskammer fort. Zwei Wachen standen zwischen ihm und seinem Ziel. Die beiden Gardisten unterschieden sich kaum. Blau-silberne Rüstung, geschlossener Helm und den dazu passenden blauen Umhang des Hauses Varell. Die beiden Gardisten machten keine Andeutungen die Tür für Darian zu öffnen. „Ich wünsche an der Ratssitzung teilzunehmen,“ sagte Darian höflich, solange er dazu bereit war. „Verzeiht mir, der König trug uns auf, niemanden reinzulassen. Darian blickte ihn an, Zorn kam ihm empor. „Seid ihr lebensmüde? Ihr sprecht mit dem Kronprinzen! Eurem künftigen König!“, ermahnte Ser Bolen die Wache streng. „Wenn der Prinz wünscht hineinzugehen, dann wird ihm niemanden daran hindern!“ Außer seinen Vater ergänzte Darian in seinen Gedanken. „Ich… wir…“, der Gardist bemerkte, dass sein Kamerad seine Hälfte der Doppeltür für Darian freimachte. „Jawohl, mein Prinz. Vergebt mir.“ Die Wache setzte mit einem großen Schritt zur Seite, drehte sich zu Darian und öffnete gemeinsam mit seinem Kameraden, die Tür zur Ratskammer. Darian sah ein langer und schmaler Raum, in der Mitte war ein großer Eichentisch, an dem sechs Personen saßen. Am Tischende war sein Vater, in einem blauen Wams gekleidet und einem schwarzen Mantel gehüllt. Auf seinem Haupt die Drachenkrone mit der Abbildung eines Drachenkopfes vorne und ausgebreitete Flügel an den Seiten, die hinten nach oben anstehen. Die anderen, bis auf Magister Rorik, der aufgrund seiner Robe und seiner kräftigen Statur, die selbst für einen Norossi aus dem Norden, beachtlich ist, erkannte er nicht. Wäre Rorik kein Magister, sondern ein geübter Axtkämpfer, würde er lieber einen Faustkampf gegen einen Drachen wagen, als mit ihm den Stahl zu kreuzen. „Darian! Mein Sohn! Du bist heimgekehrt. Ich habe dich aber erst in einer Woche erwartet.“ rief sein Vater über den Tisch zu ihm hinüber. „Was führt dich jetzt schon heim?“ „Das Reich, die Politik, deine Briefe… meine Schwester und Brüder“ erwiderte Darian und bewegte sich mit schnellen Schritten in Richtung Tisch. „Und was führt dich zu diesem Tisch? Du bist nicht Teil des Rates, oder nicht?“ Die Frage seines Vaters war herausfordernd und frech zugleich, empfand Darian. „Warum hättest du mich sonst nach Ardenhall gerufen? Sicher nicht aus reiner Vaterliebe, denn du brauchst Verbündete. Du suchst jene, denen du blind vertrauen kannst. Wem kannst du mehr vertrauen als dein eigen Fleisch und Blut?“ Sein Vater nickte knapp und deutete auf den freien Stuhl gegenüber Rorik. „Rorik kennst du bereits. Die beiden neben ihm der Schatzmeister Lord Deniell Albon und Ser Jules Arvell, Sohn von Janus Arvell. Er ist der Meister des Rechts. Zu meiner Rechten Damien Carlon, Meisterflüsterer und zuständig für die diplomatischen Beziehungen zu unseren Nachbarn. Und neben dir Ser Roland Valmont. Er ist unser Kriegsmeister und erfahrener Stratege in zahlreichen Schlachten. „Rorik… bringt meinen Sohn auf den aktuellen Stand, damit wir endlich anfangen können eine Lösung für unsere Probleme zu finden.“ Sein Vater schlug mit der Faust auf den Tisch, schüttelte den Kopf, bevor er sich entschuldigte: „Ich bitte um Verzeihung Mylords… Rorik, darf ich bitten?“
Rorik räusperte sich kurz und nahm ein Pergament hervor: „Nun… Das dringlichste Anliegen ist die Bitte des Großkönigs einen weiteres Drachenei zu entsenden. Unsere Botschafterin in der roten Stadt erwartet eine Antwort nun seit… einigen Wochen.“ Wie viele Dracheneier erhielt der Großkönig in den letzten zehn Jahren?“ Fragte Darian vorsichtig, da er vermutete, dass die Antwort ihm nicht gefallen wird. „Fünf!“Antwortete Jules Arvell forsch, „dieser gierige Schlund bekam fünf unserer Eier, zwei davon sogar von meinem Haus, weil Haus Varell uns um Hilfe gebeten hatte. Und nicht eines davon hat das Licht der Welt erblickt.“ Darian fand keine Worte. Wie war es möglich, dass so viele Dracheneier unser Land verlassen konnten? Die alten Verträge waren ein Ei jedes Jahrzehnt. Bisher schlüpfte nur jedes zehnte Ei, dass nicht in Alendas ausgebrütet wurde, weshalb weiterhin fast alle Drachen von alendischen Reitern im Besitz sind. „Warum? Der Großkönig hatte keinen Anspruch darauf,“ warf Darian wütend entgegen. Er hatte keinen Grund, wütend zu sein. Darian ist ein Drachenreiter und sein Vater der König, aber es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass sein Land, sein Vater so ausgebeutet wird. „Um den Frieden zu sichern,“ erwiderte sein Vater nüchtern. „Das ist das zweite Problem, dass uns seit Wochen plagt, mein Junger Prinz,“ sagte Rorik und räusperte sich erneut. „Die Lords von Meer und Berg sind unzufrieden. Lord Vorian Maros aus Eishafen beschwert sich am lautesten. Seine Stadt wickelt die Hälfte unseres Handels und sogar aus Irendai und Setianda. Seit einigen Jahren werden jedoch viele Handelsschiffe von Piraten attackiert, die vom Irendaischen Boden aus angreifen. Lord Vorian beschuldigt Lord Franz nichts zu tun, um seinen eigenen Hafen zu fördern.“
„Oder zu unterstützen,“ ergänzte Jules Arvell eindringlich. „Lord Vorian ist sich sicher, dass Lord Franz Urheber der Angriffe ist, und droht mit einem militärischen Schlag.“
„Siehst du Darian? Nichts ist leicht an diesem Tisch. Wir stehen am Rande eines Konflikts, der von Lord gegen Lord zu König gegen König eskalieren könnte. Wenn der Großkönig interveniert, können wir nicht an gegen Setianda, Myranien und Irendai gleichzeitig kämpfen.“
Darian verstand das Problem sofort. Wenn die Anschuldigungen von Lord Vorian stimmten, dann hätten die Irendaier uns längst angegriffen und wir hätten jedes Recht uns zu wehren. „Warum die Lords von Meer und Berg? Eishafen ist weder Meer oder Berg. Es liegt am Ende vom Styr.“ fragte Darian die Anwesenden. „Weil er deren gewählter Fraktionsführer ist,“ meldete sich Damien Carlon zum ersten Mal. „Die Lords von Meer und Berg stänkern seit Jahrzehnten rum. Bisher hatten sie nur Nichtigkeiten, aber dank der Piraten… Sehen sie unser zögern als Schwäche.“ Nichts ist schneller verletzt als die Ehre der alendischen Adligen, antwortete Darian unausgesprochen. Er entschied sich für einen riskanten Versuch, das Dilemma mit dem Drachenei zu lösen. „Gebt das Ei nicht dem Großkönig, sagt ihm es gibt keine, da wir sie bereits Drachenreitern zugewiesen haben.“
„Und wer soll das Ei bekommen? Derys oder Verys? Welchen meiner Söhne soll ich verschmähen?“ Entgegnete ihm sein Vater.
„Keinem“, erwiderte Darian knapp.
„Keinem?“ fragte sein Vater ihn verwundert.
„Richtig. Gebt das Drachenei Alyna. Sie ist deine Tochter und du würdest ihr gleichzeitig zeigen, dass du sie nicht vergisst.“
„Das ist zu gefährlich, sie ist meine Tochter und Prinzessin von Alendas“, sein Ton wurde strenger. „Was soll das heißen, ich würde sie vergessen?“
„Wann hast du zuletzt mit ihr gesprochen? Sie glaubt du würdest sie nicht mehr lieben oder dass sie etwas falsch gemacht hat.“ Darian appellierte an seinen Vater, er hoffte auf ein Umdenken, da sein weiterer Plan darauf aufbaute. „Gib ihr das Ei, lass es sie versuchen, es zum schlüpfen zu bringen. Lass Sie in der Burg unter Aufsicht das Bogenschießen lernen.“
Sein Vater beäugte ihn streng, schüttelte den Kopf. „Meine Tochter soll das kämpfen lehren? Das ist unter ihrer Würde, sie ist keine Wilde aus dem fernen Osten.“
„Die Norossi lehren sowohl Jungen als auch Mädchen das Kämpfen mit Schwert, Axt und Speer. Das sind wohl kaum Wilde oder?“ Darians Blick wanderte für einen kurzen Blick zu Rorik, der zum Glück nicht auf ihn achtete.
Während sein Vater überlegte, wandte Jules Arvell sich ebenfalls an den König. „Wenn Alyna das Ei bekäme, könnten wir unser Gesicht wahren, wenn auch zum Schein. Das wird den Großkönig nicht überzeugen – keinesfalls – aber könnte uns diplomatisch in ein rechtes Licht rücken.“ Roland Valmont gab ebenfalls seine Meinung wieder. „Mein König. Darians Plan ist nicht ungefährlich, aber ein weiterer Drache in unseren Reihen, ist ein weiterer Drache. Eure Tochter, wenn auch nicht eure leibliche, würde mit Hingabe alles für euch tun.“ Darian missfiel der Einschub von Ser Roland Valmont, dass Alyna nicht die leibliche Tochter sei, und er fragte sich, was der Rat vor seiner Anwesenheit alles über sie sprach. „Gu“, sprach sein Vater, „sie wird das Drachenei bekommen. Sie solle auch im Bogen ausgebildet werden. Dann sind wir das elende Thema endlich los“, seufzte sein Vater erleichtert.
„Dann zu Lord Vorian und seine Piraten“ warf Damien Carlon in den Raum. „Wir werden nicht verhindern können, dass sich die Lage weiterzuspitzt, wenn wir nichts unternehmen.“ Nur der irendaische König könnte intervenieren, dachte Darian. Nur wie es um die Beziehungen zu Irendai stand, das wusste Darian nicht.
„Der irendaische König wird niemals den eigenen Hafen sabotieren, der ihm Zölle und Steuern einbringt. Da hätten wir mehr Erfolg den Schnee von den Winterbergen zu kehren“, mahnte Jules Arvell.
Roland Valmont schnaubte. „Wollt ihr einen offenen Krieg mit Irendai provozieren? Ohne Verbündete? Junge? Ihr seid zwar seit 6 Jahren im Rat, aber ihr seid immer noch der Jüngste hier!“
Lord Jules Arvell sprang von seinem Stuhl auf. „Wir haben Drachen und wir haben Auristen. Ich habe keine Angst vor einem Krieg.“
Darian schlug die Faust auf den Tisch. „Es reicht verdammt noch mal! Ich habe Angst vor einem Krieg. Mich verlangt es nicht danach einer irendaischen Hexe auf dem Feld begegnen, wenn ich es vermeiden kann.“ Darians Gemüt beruhigte sich wieder. „Wir sollten Einen Boten nach Setianda entsenden, da sie unsere Nachbarn sind. Außerdem sollte unsere Botschafterin in der roten Stadt die Norossi in Verhandlungen auf unsere Seite ziehen.
Sein Vater nickte, er war damit einverstanden. „Gut. Dann ist die Sitzung für heute beendet. Hoffen wir das ein Krieg mit Irendai vermeidbar ist.“


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